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Determinanten des technischen Fortschritts: eine industrieökonomische Analyse
[Determinants of technical change: an analysis from industrial economics perspective]

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  • Harabi, Najib

Abstract

In der Industrieökonomik besteht Einigkeit darüber, dass technischer Fortschritt auf der mikroii ökonomischen Ebene des Einzelmarktes durch die drei folgenden Faktoren erklärt werden kann: die technologischen Chancen (d.h. die Chancen von Innovatoren, Zugang zu ökonomisch verwertbarem technischem Wissen zu erhalten), 2. die Fähigkeit von Innovatoren, sich die Erträge aus ihren technischen Innovationen anzueignen und 3. die Marktnachfrage. Das Ziel der vorliegenden Arbeit bestand darin, erstens diese Bestimmungsfaktoren theoretisch zu definieren - und zweitens sie anhand schweizerischer Daten empirisch zu untersuchen. Dabei wurden sie nicht nur generell für die gesamte Industrie, sondern auch im Hinblick auf interindustrielle Unterschiede untersucht. Die empirische Analyse basierte auf einer im Sommer 1988 durchgeführten schriftlichen und mündlichen Expertenbefragung in der Schweizer Industrie. Von den 940 befragten Experten (vorwiegend F&E-Leitern ausgewählter Unternehmen) haben 358 oder ca. 40 % geantwortet; sie waren in 127 verschiedenen Wirtschaftsarten tätig. Die so gewonnene Stichprobe hat sich bezüglich der Branchenstruktur als statistisch repräsentativ erwiesen. Im Hinblick auf die Frage nach den technologischen Chancen können die wichtigsten Ergebnisse wie folgt zusammengefasst werden: 1. Der wichtigste Beitrag jeglicher Art (Finanzen, Personen, Informationen usw.) zum technischen Fortschritt der untersuchten Wirtschaftszweige kommt - nach Ansicht der befragten Branchenexperten - von marktlichen Organisationen. An erster Stelle tragen Unternehmen innerhalb der gleichen Branche zum technischen Fortschritt ihres Wirtschaftszweiges bei, an zweiter Stelle kommen die Benützer der Produkte und an dritter Stelle die Lieferanten von Einsatzmaterial und Ausrüstungsgütem für die Produktion. 2. Als relativ unwichtig wird hingegen der Beitrag aussermarktlicher Organisationen zum technischen Fortschritt der untersuchten Wirtschaftszweige angesehen. Einen geringen Beitrag leisten namentlich die Hochschulforschung und die anderen staatlichen Forschungsinstitutionen, die staatlichen Betriebe und Ämter sowie die Berufs- und Fachverbände. Auch der Beitrag unabhängiger Erfinder wird als unbedeutend erachtet. 3. Die Beiträge sowohl marktlicher als auch aussermarktlicher Organisationen zum technischen Fortschritt variieren von einem Wirtschaftszweig zum anderen. 4. Intraindustrielle Spillover im F&E-Bereich - d.h. unbeabsichtigter Wissenstransfer seitens der F&E-Teams eines Unternehmens an ihre Konkurrenten der gleichen Branche - tragen auch zum technischen Fortschritt eines bestimmten Wirtschaftszweigs bei. Das wirksamste Mittel, ein von der Konkurrenz bereits erlangtes technisches Wissen über Produkt- und Prozessinnovationen ebenfalls zu erwerben, ist die eigenständige F&E. Das zweitwichtigste ist bei Produktinnovationen das sog. "reverse engineering" (Produkte erwerben und analysieren), bei Prozessinnovationen die Auswertung von Publikationen und Fachtagungen. 5. Hingegen werden die folgenden Mittel insgesamt als mittelmässig wirksam beurteilt: 1. Wissen erwerben durch Publikationen und öffentliche Fachtagungen; 2. Wissen erwerben durch informelle Gespräche mit Mitarbeitern aus den Firmen, in denen neue Produkte entwickelt werden; 3. "Abwerben" von F&E-Mitarbeitern von der Konkurrenz; 4. Wissen erwerben durch Lizenzierung der betreffenden Technologie und schliesslich 5. Wissen erwerben aufgrund der Patentoffenlegung beim Patentamt. 6. Im Hinblick auf die Wirksamkeit der untersuchten Mittel zum Erwerb eines von der Konkurrenz erlangten technischen Wissens über Produkt- und Prozessinnovationen bestehen auch interindustrielle Unterschiede. 7. Die unterschiedlichen Mittel zum Erwerb eines von der Konkurrenz bereits erlangten technischen Wissens über Produkt- und Prozessinnovationen können auf der Basis multivariater statistischer Verfahren in drei Untergruppen unterteilt werden. Die erste Untergruppe würde die vier folgenden Mittel umfassen: 1. Wissen erwerben durch Publikationen und öffentliche Fachtagungen; 2. Wissen erwerben durch informelle Gespräche mit Mitarbeitern aus den Firmen, in denen neue Produkte entwickelt werden; 3. "Abwerben" von F&E-Mitarbeitern von der Konkurrenz sowie 4. "reverse engineering" umfassen. Die zweite würde hingegen die "patentbezogenen" Mittel (d.h. Wissen erwerben durch Lizenzierung der betreffenden Technologie und Wissen erwerben aufgrund der Patentoffenlegung beim Patentamt) beinhalten, während sich die letzte primär aus dem Mittel "eigenständige F&E" und zu einem gewissen Grad auch "reverse engineering" zusammensetzen würde. 8. Ferner trägt auch die Wissenschaft - wenn auch selektiv - zum technischen Fortschritt der untersuchten Wirtschaftszweige bei, und zwar sowohl auf der Ebene der Ausbildung als auch der Forschung. Vor allem die Ausbildung in den Fächern Physik, Informatik, Werkstoffwissenschaft, Elektrotechnik, Maschinenbau und angewandte Chemie wird im schweizerischen Kontext als relevant beurteilt. 9. Die Relevanz der in- und ausländischen Hochschulforschung für den technischen Fortschritt der untersuchten Wirtschaftszweige wird zwar generell nicht als besonders hoch bewertet. In einzelnen Wissenschaftsgebieten - wie Informatik, Werkstoffwissenschaft, Elektrotechnik usw. - wird jedoch die Hochschulforschung als relevant angesehen. Insgesamt wird die Hochschulforschung in den erfragten Wissenschaftsgebieten für weniger relevant gehalten als die Ausbildung in den gleichen Gebieten. 10. Wie bei den anderen Quellen des technischen Fortschritts ist auch der Beitrag der Ausbildung in der Wissenschaft in den einzelnen Wirtschaftszweigen unterschiedlich: Die Uhrenindustrie, die Elektroindustrie und die technischen Dienstleistungen stellen die wissenschaftsintensivsten Wirtschaftszweige der Schweizer Industrie dar, während alle anderen Wirtschaftszweige diesbezüglich unterdurchschnittlich abschneiden. Die Frage, ob sich Innovatoren die wirtschaftlichen Erträge aus ihren technischen Innovationen aneignen können (der zweite Bestimmungsfaktor des technischen Fortschritts), ist für sie und für den technischen Fortschritt in einzelnen Märkten von zentraler Bedeutung. Da diese Frage, sie wird in der Literatur mit dem Konzepappropriability t' (Aneignung) zusammengefasst, aufgrund zahlreicher analytischer und statistischer Probleme nicht direkt beantwortet werden kann, (d.h. Aneignung lässt sich nicht direkt statistisch messen), versuchen verschiedene Forscher, sie indirekt und qualitativ zu untersuchen, indem sie die zur Aneignung der Erträge von Innovationen dienenden Mittel im Hinblick auf ihre Wirksamkeit analysieren. Die wichtigsten dieser Mittel sind das Patentwesen, die Geheimhaltung, die Erzielung eines Zeitvorsprungs gegenüber der Konkurrenz, die Erlangung und Sicherung eines Lern- bzw. Kostenvorteils gegenüber der Konkurrenz, Aufbau überragender Verkaufs- und Serviceleistungen und die Erschwerung der Imitation eigener Innovationen durch die Konkurrenz, d.h. die Erhöhung des dafür notwendigen Kosten- und Zeitaufwandes. Auch hier können die wichtigsten Ergebnisse wie folgt zusammengefasst werden: 11. Die Erzielung eines Zeitvorsprungs vor der Konkurrenz wird im Durchschnitt als das wirksamste Mittel zur Erlangung und Sicherung von Wettbewerbsvorteilen aus Prozessinnovationen beurteilt. Bei Produktinnovationen sind es dagegen überragende Verkaufs- und Serviceleistungen, gefolgt vom Zeitvorsprung. Sowohl bei Produkt- wie bei Prozessinnovationen werden also der Zeitvorsprung und die dadurch möglich gewordene Erlangung von Vorteilen gegenüber der Konkurrenz in der Produktion oder im Marketing als die wichtigsten Aneignungsinstrumente von Erträgen aus Innovationen erachtet. 12. Hingegen werden Patente im allgemeinen sowohl bei Produkt- als auch bei Prozessinnovationen als das am wenigsten wirksame Mittel zur Erlangung von Wettbewerbsvorteilen angesehen. Einzig in der chemischen, inkl. pharmazeutischen Industrie und in bestimmten Zweigen der Maschinen- und Elektroindustrie werden diese als wirksam beurteilt. 13. Die alternativen Aneignungsmittel von Wettbewerbsvorteilen aus technischen Innovationen sind miteinander korreliert. Die angewandten Verfahren der multivariaten Statistik, insbesondere die Korrelations-, Hauptkomponenten- und Clusteranalyse, legen nahe, dass diese Aneignungsmittel in zwei Untergruppen unterteilt werden können. Die eine Untergruppe würde die patentbezogenen (Patente zum Schutz gegen Imitation und Patente zur Sicherung von Lizenzgebühren) und die andere die nichtpatentbezogenen Aneignungsmittel (Geheimhaltung, Zeitvorsprung, Lern- und Kostenvorteile sowie überragende Verkaufs- und Serviceleistungen) umfassen. Dabei erweisen sich die letzteren Aneignungsmittel als die wirksameren. 14. Die Tatsachen, dass Patente leicht zu umgehen sind und dass sie der Konkurrenz wichtige technische Detailinformationen preisgeben, die von ihr relativ rasch und kostengünstig genutzt werden können, stellen in den Augen der befragten Experten die Wirksamkeit von Patenten als Mittel zur Erlangung von Wettbewerbsvorteilen aus Innovationen am stärksten in Frage. 15. Erfinder bzw. Innovatoren verfolgen bei der Patentierung ihrer Ideen gleichzeitig verschiedene Ziele. Auch wenn der angestrebte Schutzeffekt (Monopoleffekt) von Patenten in der Praxis aus oben erwähnten Gründen in den meisten Wirtschaftszweigen nicht für gross gehalten wird, wird mit Patentierungen versucht, die Verhandlungsposition des Patentinhabers gegenüber Dritten zu stärken. Dies kann zum einen in Verhandlungen mit anderen Unternehmen über- Kooperationsverträge im F&E-Bereich, über allfällige Fusionen, Übernahmen usw. und zum anderen in Verhandlungen mit staatlichen Stellen über den Zugang zu Auslandmärkten geschehen. Diese Ergebnisse sind sowohl für den Staat als auch für die Unternehmen von Bedeutung. Sie zeigen für beide Akteure auf, welche Aspekte des Innovationsprozesses aus der Sicht der befragten Branchenexperten besonders relevant sind: - Zur Förderung des technischen Fortschritts sind besonders die Ergebnisse zu den Quellen technologischer Chancen, zur Relevanz der Ausbildung in den Grundlagen- und angewandten Wissenschaften und der Hochschulforschung wichtig. Denn sie weisen darauf hin, in welchen Gebieten eine solche Politik ansetzen könnte. Danach sollte z.B. vermehrt versucht werden, die organisationelle und institutionelle Infrastruktur des technischen Fortschritts zu stärken. Dazu gehören: 1.) die Förderung von Kooperationen im F&E-Bereich zwischen Unternehmen innerhalb des gleichen Wirtschaftszweiges, zwischen Produzenten und Produktbenützern und zwischen den Determinanten des technischen Fortschritts: eine industrieökonomische Analyse 37 ersteren und den Lieferanten von Einsatzmaterial, Ausrüstungsgütern usw.; 2.) die Förderung von Kooperationen zwischen den Organisationen der Grundlagen- und solchen der angewandten Forschung und zwischen diesen und den privaten Forschungslaboratorien, und zwar in jenen Wissenschafts- und Technologiegebieten, die den höchsten Beitrag bzw. die höchste Relevanz für den technischen Fortschritt aufweisen. - Da der Zeitvorsprung vor der Konkurrenz das wichtigste Aneignungsmittel der Erträge aus technischen Innovationen und damit den wichtigsten Erfolgsfaktor von Unternehmen und Branchen darstellt, ist eine zügige und speditive Behandlung administrativer und juristischer Belange bezüglich Erfindungen und Innovationen und der sie tragenden Organisationen von zentraler Bedeutung. Für den Staat sind ferner die Ergebnisse zur Wirksamkeit von Patenten als Mittel zum Schutz der Ergebnisse von F&E beachtenswert. Sie zeigen, dass das Patentsystem in den unterschiedlichen Wirtschaftszweigen unterschiedlich wirksam ist: in der chemischen, inkl. pharmazeutischen Industrie sind Patente sehr wirksam, in anderen Industrien ist dies nicht der Fall. Eine äusserst differenzierte Patentpolitik ist demzufolge zu empfehlen (s. dazu Oppenländer 1988:2740. - Den Unternehmen, als Hauptakteuren des Innovationsprozesses, ist zu empfehlen, eine bewusste Schutzstrategie ihrer Innovationen und damit auch eine Patentpolitik zu konzipieren und zu implementieren, die der technischen Natur und dem Lebenszyklus ihrer Produkte sowie den Marktstrukturen, unter denen sie operieren, entspricht (für Hinweise s. Teece 1986). Diese Empfehlung gilt v.a. für die kleinen und mittleren Unternehmen, die über das notwendige Knowhow nicht verfügen, wie dies an einer internationalen Tagung der Europäischen Gemeinschaft festgehalten wurde: ". . . small and medium-sized businesses were unable to develop their own property rights strategies satisfactorily, since they rarely had the necessary competence and special experience." (Täger/Witzleben 1991:225). - Bei all diesen Massnahmen müsste beachtet werden, dass diese in den einzelnen Wirtschaftszweigen verschieden sein sollen. Denn, wie empirisch gezeigt wurde, bestehen bezüglich der Natur, den Mechanismen und den Einflussfaktoren des technischen Fortschritts wichtige interindusirielle Unterschiede. Die empirischen Resultate dieser Studie bestätigen ferner die wirtschaftspolitischen Implikationen neuerer Entwicklungen in der Theorie des technischen Fortschritts, wie sie Rosenberg im folgenden kurz zusammenfasst: "In addition to nourishing the supply side in a broader range of areas, intelligent policies must be directed at institutional aspects of the innovation process, working to encourage the interaction of users and producers, as well as the iterative interactions between more basic and applied research enterprises.(...). Useful policies would be those directed at the provision of information, from basic research institutions in the noncommercial sector to private firms and laboratories, as well as from users tu producers concerning desired products and characteristics" (Rosenberg 1982:237f.).

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