Die offizielle Einführung des Euro zum Jahresbeginn 1999 war mit hohen Erwartungen vor allem von politischer Seite verbunden. Der Euro soll eine stabile Währung werden und international eine ähnlich wichtige Rolle spielen wie der US-Dollar. Inzwischen liegen erste praktische Erfahrungen mit der neuen europäischen Währung vor. Bei einer Inflationsrate von etwa einem Prozent herrscht im Euroland unter Berücksichtigung von Meßfehlern derzeit Geldwertstabilität. Gleichzeitig hat der Euro in den ersten 100 Tagen seines Bestehens gegenüber dem US-Dollar rund 8 % abgewertet. Ist diese Entwicklung eher Zeichen einer Euro-Schwäche oder eher einer Dollar-Stärke? Eine Reihe von Hinweisen deutet derzeit eher in Richtung eines starken Dollar. Für eine erweiterte Perspektive kann der D-Mark-Dollar-Wechselkurs im Jahr 1998 als Näherungsgröße für den Euro-Dollar-Wechselkurs interpretiert werden. Obwohl der Euro formal erst zum Jahresbeginn 1999 eingeführt wurde, existierte er faktisch mindestens seit der Sitzung des Rates der Europäischen Union vom 1. bis 3. Mai 1998 in Brüssel. Spätestens nach diesem Treffen des Europäischen Rates schufen die EWU-Notenbanken mit ihrer Geldpolitik de facto eine Währungsunion. Die avisierten EWU-Notenbanken koordinierten ihre Geldpolitik und hielten die Wechselkurse zwischen den Währungen stabil. Damit war ein symmetrisches Festkurssystem mit unveränderbaren Wechselkursen implementiert und faktisch der Eintritt in die Europäische Währungsunion schon vollzogen. Ab Mai 1998 wertete dieser Europäische Währungsblock gemessen am D-Mark-Dollar-Wechselkurs um rund 10 % auf, um anschließend seit September 1998 wieder auf sein ursprüngliches Niveau zurückzukehren. Wenn das Wechselkursniveau im Mai 1998 angemessen war, dann wäre die seit letztem Herbst laufende Abwertung nur eine Korrektur der zwischenzeitlich eingetretenen Überbewertung des Euro. Welche Anhaltspunkte gibt es für die Bestimmung eines angemessenen Wechselkurses? Auf Basis der Kaufkraftparität wäre Anfang Mai 1998 ein D-Mark-Dollar-Wechselkurs von 2,02 DM angemessen gewesen, was einem Dollar-Euro-Wechselkurs von etwa 97 Cent entspricht. Tatsächlich lag der D-Mark-Dollar-Wechselkurs nach der Sitzung des Europäischen Rates im Mai 1998 bei 1,78 DM, was eine deutliche Unterbewertung des Dollars impliziert. Nach dieser Sicht bedeutet der Wertverlust des Euro gegenüber dem Dollar seit September 1998 nur eine Korrektur der Dollar-Unterbewertung. Ein anderes Bild ergibt sich für das von Williamson vorgeschlagene Konzept des fundamentalen Gleichgewichtswechselkurses. Es versucht den Wechselkurs zu ermitteln, der mit einem langfristig stabilen Verhältnis von Auslandsverschuldung zum BIP vereinbar ist. Aktualisierte Schätzungen des Institute for International Economics aus dem Jahre 1996 sehen den fundamentalen Gleichgewichtswechselkurs des Dollar im Bereich von 1,45 – 1,50 D-Mark, was einem Wechselkurs von ungefähr 1,33 Dollar pro Euro entspricht. Danach wäre der Dollar im Mai 1998 deutlich überbewertet gewesen. Die Entwicklungen im September und Oktober 1998 hatten diese leicht abgebaut, während die Wechselkursentwicklung im Jahr 1999 wieder zu einer verstärkten Überbewertung des Dollar führte. Auch die Entwicklung des Dollar gegenüber anderen Währungen spricht eher für eine Phase der Dollar-Stärke und weniger für eine Euro-Schwäche. So verlor der Dollar seit Juli 1998 sowohl gegenüber dem Yen und Schweizer Franken an Wert, bevor er ab Herbst 1998 gegenüber diesen Währungen ebenfalls aufwertete. In diesem Umfeld stellt sich die Frage, ob der Euro mittel- und langfristig zu einer ähnlich wichtigen Währung werden wird wie der US-Dollar. Um diese Frage zu beantworten, sollen zunächst die Funktionen einer internationalen Währung dargestellt werden. Anschließend werden nach einem kurzen historischen Abriss die weiteren Perspektiven des Euro diskutiert und die währungspolitischen Implikationen einer internationalen Verwendung des Euro untersucht.
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